
Die 5 teuersten Fehler bei der Unternehmensbewertung – und wie Sie sie vermeiden
Es gibt wenige Fehler im Geschäftsleben, die so teuer sind wie eine falsche Unternehmensbewertung. Nicht weil die Methoden kompliziert wären – sondern weil die falschen Annahmen so leicht unbemerkt bleiben.
Ein Unternehmer, der sein EBITDA nicht bereinigt, verschenkt bei einem Multiple von 6x für jeden fehlenden Euro sechs Euro Unternehmenswert. Einer, der die Steuerberater-Bewertung für den erbschaftsteuerlichen Anlass als Marktpreisindikation nimmt, liegt möglicherweise um 40 Prozent daneben. Einer, der seinen Firmenwert nach dem Substanzwert berechnet, versteht nicht, was ein Käufer tatsächlich bezahlt.
In der Beratungspraxis zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Die fünf häufigsten Bewertungsfehler treten in erstaunlicher Regelmäßigkeit auf – branchenübergreifend, bei Unternehmen jeder Größe, bei erfahrenen Unternehmern ebenso wie bei Erstverkäufern. Das Tückische: Die meisten Unternehmer erkennen den Fehler erst, wenn sie am Verhandlungstisch sitzen und die Kaufpreisvorstellung des Käufers hören.
Dieser Artikel beschreibt die fünf teuersten Fehler – mit konkreten Zahlenbeispielen, damit Sie sehen, was jeder einzelne Fehler kostet. Und mit klaren Handlungsempfehlungen, damit Sie keinen davon machen.
Sie möchten wissen, was Ihr Unternehmen am Markt wirklich wert ist? In einem vertraulichen Erstgespräch geben wir Ihnen eine erste indikative Einschätzung – fundiert und unverbindlich. → Erstgespräch vereinbaren
Fehler Nr. 1: Das EBITDA nicht bereinigen
Dieser Fehler steht an erster Stelle, weil er der häufigste ist – und gleichzeitig der kostspieligste. Die überwältigende Mehrheit der mittelständischen Unternehmer verwendet für eine erste Wertindikation das EBITDA, wie es in der Betriebswirtschaftlichen Auswertung (BWA) oder im Jahresabschluss steht. Und genau das ist das Problem.
Das ausgewiesene EBITDA eines inhabergeführten Unternehmens bildet die nachhaltige operative Ertragskraft fast nie korrekt ab. Es enthält inhaberbezogene Verzerrungen – ein überhöhtes Geschäftsführergehalt, private Nutzung von Firmenvermögen, über-marktübliche Mieten für inhabereigene Immobilien – und einmalige Sondereffekte, die sich nicht wiederholen werden.
In der Praxis liegt das bereinigte EBITDA im Mittelstand typischerweise 20 bis 50 Prozent über dem ausgewiesenen Wert. Bei einem Multiple von 5,5x bedeutet jeder nicht bereinigte Euro Ertragskraft einen Verlust von 5,50 Euro Unternehmenswert.
Was das in der Praxis kostet: Ein Dienstleistungsunternehmen weist ein EBITDA von 400.000 Euro aus. Nach sauberer Bereinigung – Geschäftsführergehalt, Firmenwagennutzung, einmalige Beratungskosten, nicht-marktübliche Miete – beträgt das bereinigte EBITDA 560.000 Euro. Bei einem Multiple von 6x: unbereinigt 2,4 Mio. Euro, bereinigt 3,36 Mio. Euro. Verlust durch Nicht-Bereinigung: 960.000 Euro.
Knapp eine Million Euro – allein weil die richtige Zahl nicht auf dem Tisch lag.
Wie Sie den Fehler vermeiden: Lassen Sie Ihr bereinigtes EBITDA durch einen transaktionserfahrenen M&A-Berater oder Wirtschaftsprüfer ermitteln – nicht durch Ihren Steuerberater, dessen Aufgabe die Steueroptimierung ist, nicht die Kaufpreismaximierung. Beginnen Sie mit der Bereinigung mindestens 12 Monate vor dem geplanten Verkauf, damit Sie genug Zeit haben, Bereinigungen zu dokumentieren und gegebenenfalls Sachverhalte zu verändern.
Fehler Nr. 2: Die Steuerberater-Bewertung als Marktwert verwechseln
Viele Unternehmer haben bereits eine Unternehmensbewertung in der Schublade – erstellt von ihrem Steuerberater, oft im Rahmen einer Schenkung, einer Erbschaftsteuerberechnung oder einer gesellschaftsrechtlichen Auseinandersetzung. Diese Bewertung hat ihren Zweck. Aber als Indikation für den am Markt erzielbaren Verkaufspreis ist sie in den allermeisten Fällen ungeeignet.
Steuerliche Bewertungen folgen dem vereinfachten Ertragswertverfahren nach dem Bewertungsgesetz (BewG) oder einem Substanzwertansatz. Sie verwenden pauschale Kapitalisierungszinssätze, die vom Gesetzgeber vorgegeben werden und die spezifische Markt-, Branchen- und Unternehmenssituation nicht abbilden. Sie berücksichtigen keine Synergien, keinen Wettbewerb im Verkaufsprozess und keine strategischen Prämien.
Was das in der Praxis kostet: Ein Maschinenbauunternehmer lässt seinen Betrieb im Rahmen einer vorweggenommenen Erbfolge bewerten. Die Bewertung nach BewG ergibt einen Wert von 3,2 Millionen Euro. Am Markt – nach professioneller Aufbereitung und strukturiertem Verkaufsprozess – erzielt das Unternehmen 4,8 Millionen Euro. Der Unternehmer hätte auf Basis der steuerlichen Bewertung möglicherweise ein erstes Angebot von 3,5 Millionen Euro akzeptiert, weil es „über dem Wert“ lag. Verlust durch falsche Referenz: 1,3 Millionen Euro.
Wie Sie den Fehler vermeiden: Unterscheiden Sie konsequent zwischen dem steuerlichen Wert und dem Marktwert. Für eine Verkaufsentscheidung brauchen Sie eine marktorientierte Bewertung, die auf dem bereinigten EBITDA, aktuellen Transaktionsmultiples und einer realistischen Einschätzung der Käuferlandschaft basiert.
Fehler Nr. 3: Den Substanzwert als Maßstab nehmen
„Meine Maschinen allein sind zwei Millionen wert. Die Halle nochmal anderthalb. Dazu der Warenbestand, die Fahrzeuge, das Werkzeug – unter vier Millionen verkaufe ich nicht.“ Diese Argumentation begegnet erfahrenen M&A-Beratern regelmäßig.
Das Problem: Käufer kaufen keine Maschinen. Sie kaufen Cashflows. Der Substanzwert – also die Summe der Vermögensgegenstände abzüglich der Verbindlichkeiten – sagt nichts darüber aus, wie viel ein Käufer mit dem Unternehmen verdienen wird.
Wann der Substanzwert eine Rolle spielt: Als Preisuntergrenze – wenn der Ertragswert unter dem Substanzwert liegt, ist die Liquidation wirtschaftlich rational. Als Plausibilitätsprüfung – der Substanzwert gibt eine Bodenlinie an, die der Ertragswert in den allermeisten Fällen deutlich übersteigen sollte.
Was das in der Praxis kostet: Ein Metallverarbeitungsbetrieb hat Substanzwerte von 3,5 Millionen Euro. Ein strategischer Käufer bewertet das Unternehmen auf Basis des bereinigten EBITDA (450.000 Euro) mit einem Multiple von 5,5x = 2,48 Millionen Euro Enterprise Value, plus 800.000 Euro für eine nicht betriebsnotwendige Immobilie – Gesamtwert 3,28 Millionen Euro. Der Unternehmer lehnt ab. Zwei Jahre später akzeptiert er 2,7 Millionen Euro. Verlust durch falsche Methodik und verlorene Zeit: 580.000 Euro.
Wie Sie den Fehler vermeiden: Verwenden Sie den Substanzwert als das, was er ist: eine Zusatzinformation, nicht die Bewertungsbasis. Die bewertungsrelevante Kenngröße ist das bereinigte EBITDA multipliziert mit einem marktgerechten Multiple.
Fehler Nr. 4: Börsen-Multiples auf den Mittelstand anwenden
Das Internet ist voll mit Multiple-Tabellen. EBITDA-Multiples nach Branchen, Umsatz-Multiples, Kurs-Gewinn-Verhältnisse – alles frei verfügbar, vermeintlich direkt anwendbar. Viele Unternehmer greifen auf diese Daten zurück. Das Problem: Die meisten dieser Multiples basieren auf börsennotierten Unternehmen – und die sind mit einem mittelständischen Betrieb nicht vergleichbar.
Liquiditätsprämie: Aktien börsennotierter Unternehmen können jederzeit gehandelt werden. Der Abschlag für fehlende Liquidität beträgt im Mittelstand typischerweise 15 bis 30 Prozent. Diversifikationsprämie: Ein börsennotierter Konzern hat ein fundamental anderes Risikoprofil als ein Mittelständler mit 15 Millionen Euro Umsatz und drei Hauptkunden. Skaleneffekte: Große Unternehmen haben Vorteile in Einkauf, Finanzierung und Overhead.
Was das in der Praxis kostet: Ein SaaS-Unternehmer liest, dass börsennotierte Software-Unternehmen mit 15x bis 20x EBITDA bewertet werden. Sein bereinigtes EBITDA liegt bei 600.000 Euro. Er rechnet sich 9 bis 12 Millionen Euro aus. Am Markt erzielt ein SaaS-Unternehmen seiner Größe eher 6x bis 8x, also 3,6 bis 4,8 Millionen Euro. Die Differenz wird zum Dealbreaker.
Wie Sie den Fehler vermeiden: Verwenden Sie ausschließlich Transaktionsmultiples aus dem Mittelstand – Multiples, die auf tatsächlich gezahlten Kaufpreisen basieren. Die verlässlichste Quelle in Deutschland sind die DUB KMU-Multiples. Der Multiple ist eine Bandbreite, kein fixer Punkt.
Fehler Nr. 5: Die Zukunft ignorieren – oder übertreiben
Dieser Fehler hat zwei Gesichter, die gleich teuer sind.
Gesicht 1 – Die Vergangenheit als einzigen Maßstab nehmen: Viele Unternehmer bewerten ausschließlich auf Basis historischer Ergebnisse. Käufer kaufen aber die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Wer die Zukunftsperspektive unterschlägt, lässt den Käufer die Geschichte selbst interpretieren – und Käufer sind von Natur aus konservativ.
Gesicht 2 – Die Zukunft als Wunschkonzert präsentieren: Ein Unternehmer, der 25 Prozent jährliches Wachstum projiziert ohne historische Grundlage, verliert Glaubwürdigkeit. Käufer sehen täglich „Hockey-Stick“-Prognosen.
Was das in der Praxis kostet – Szenario A: Ein Unternehmer in der Lebensmittelbranche hat ein stabiles EBITDA von 800.000 Euro und einen neuen Liefervertrag, der 250.000 Euro zusätzliches EBITDA bringt. Weil er die Zukunft nicht einbringt, bleibt ein Wertzuwachs von rund 690.000 Euro auf dem Tisch.
Szenario B: Ein IT-Dienstleister präsentiert 30 Prozent Wachstum bei historisch 8 Prozent. Der Käufer korrigiert auf 10 Prozent und reduziert gleichzeitig den Multiple um 0,5x. Doppelter Verlust.
Wie Sie den Fehler vermeiden: Erstellen Sie eine fundierte, nachvollziehbare Unternehmensplanung für drei bis fünf Jahre. Die Wachstumsannahmen müssen durch konkrete Treiber unterlegt sein. Die beste Planung ist „ambitioniert, aber realistisch“.
Die fünf Fehler im Überblick: Was sie kosten
EBITDA nicht bereinigt: 500.000–1.500.000 Euro. Steuerberater-Bewertung als Marktpreis: 500.000–2.000.000 Euro. Substanzwert als Maßstab: Prozessverzögerung plus 300.000–800.000 Euro. Börsen-Multiples angewandt: Unrealistische Erwartung, Deal scheitert. Zukunft ignoriert oder übertrieben: 300.000–1.000.000 Euro.
In der Summe können diese Fehler den Unterschied zwischen einem Verkaufserlös ausmachen, der die Altersvorsorge sichert, und einem, der deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das Dramatische: Alle fünf Fehler sind vermeidbar – mit der richtigen Methodik, dem richtigen Berater und genug Vorlaufzeit.
Unternehmensbewertung ist keine Excel-Übung – sie ist die Grundlage Ihrer wichtigsten finanziellen Entscheidung. Lassen Sie Ihren Firmenwert von jemandem ermitteln, der weiß, was Käufer zahlen und warum. Wir beraten Sie vertraulich und auf Augenhöhe.
Erstgespräch vereinbarenHäufige Fragen
Was ist der teuerste einzelne Bewertungsfehler?
In absoluten Zahlen ist das Nicht-Bereinigen des EBITDA der kostspieligste Fehler, weil er sich über den Multiplikator hebelt. Jeder Euro, um den das EBITDA zu niedrig angesetzt wird, kostet bei einem Multiple von 6x sechs Euro Unternehmenswert. In der Praxis richtet aber der zweite Fehler – die unrealistische Preisvorstellung auf Basis einer falschen Bewertungsmethode – den größten Schaden an, weil er Deals zum Scheitern bringt.
Mein Steuerberater sagt, mein Unternehmen sei 2 Millionen wert. Stimmt das nicht?
Die Bewertung Ihres Steuerberaters ist wahrscheinlich für den Zweck korrekt, für den sie erstellt wurde – zum Beispiel für steuerliche Zwecke. Für einen Unternehmensverkauf am Markt ist sie aber in der Regel keine zuverlässige Orientierung. Eine marktorientierte Bewertung – basierend auf dem bereinigten EBITDA und aktuellen Transaktionsmultiples – liefert eine realistischere Indikation des erzielbaren Preises.
Wo finde ich verlässliche Multiples für meine Branche?
Die verlässlichsten Quellen für mittelständische Transaktionsmultiples in Deutschland sind die DUB KMU-Multiples (wissenschaftlich fundiert, basierend auf realen Transaktionsabschlüssen), NIMBO (basierend auf erhaltenen Kaufangeboten – nützlich als Orientierung, aber keine Closing-Preise), und spezialisierte M&A-Berater mit eigener Transaktionserfahrung. Verwenden Sie niemals unkritisch Multiples aus Google-Suchergebnissen, ohne deren Basis zu prüfen.
Kann ich mein Unternehmen selbst bewerten?
Für eine erste Orientierung – ja. Ermitteln Sie Ihr bereinigtes EBITDA, recherchieren Sie den branchenüblichen Multiple und rechnen Sie. Für eine Verkaufsentscheidung, eine Verhandlung oder eine Nachfolgeplanung ist eine professionelle Bewertung aber unverzichtbar. Die Nuancen erfordern Transaktionserfahrung, die eine Excel-Tabelle nicht ersetzen kann.
Was kann ich tun, wenn mein Unternehmen niedriger bewertet wird als erwartet?
Zunächst: Nicht die Methode hinterfragen, sondern die Ursachen analysieren. Liegt es an der Ertragskraft, der Inhaberabhängigkeit, der Kundenkonzentration, dem fehlenden Wachstum? In den meisten Fällen gibt es konkrete Hebel, um den Wert zu steigern – oft innerhalb von 12 bis 24 Monaten. Ein niedriger Wert heute bedeutet nicht, dass Sie heute verkaufen müssen.

Über den Autor
Jan-Christian Hansen
Gründer und Geschäftsführer von Hansen Advisory, einer unabhängigen M&A-Boutique in München. In über 50 Transaktionen hat er erlebt, wie die richtige – und die falsche – Bewertungsmethodik den Unterschied zwischen einem erfolgreichen und einem gescheiterten Verkauf ausmacht. Als Dozent für Financial Modelling und Unternehmensbewertung an der TU Darmstadt und der Universität Liechtenstein kennt er sowohl die akademische Theorie als auch die Realität am Verhandlungstisch.
Kostenlose Erstberatung
Ihre Situation vertraulich besprechen?
Wir ordnen Ihren Fall in 30 Minuten ein — unverbindlich, diskret und mit klarer Einschätzung zu Timing, Wert und Prozess.
Kontakt aufnehmen
